Sicherheit durch Sorgfalt oder Gefahr bekannt, Gefahr gebannt

von docdodo (Kommentare: 1)

Pille und Thrombose, aktuell in den Medien, aber was kann ich konkret tun?

Wann ist das Risiko am größten? Und wie erkenne ich Anzeichen eines Blutgerinnsels?

organic potatoes, Fotalia #56593441 | Urheber: anjelagr
Rin in die Kartüffeln, rut ut die Kartüffeln....

Seit einigen Wochen wird verstärkt in der Presse und im Fernsehen über das Thema Thrombosen (Blutgerinnsel) und Embolien (Blutgefäßverstopfung in der Lunge) durch die Einnahme der Pille berichtet. Grundsätzlich erhöht die Einnahme jeder kombinierten „Anti-Baby-Pille“ das heißt Pille, die ein Östrogen und ein Progestin (künstliches Gestagen) enthält das Risiko einer solchen Erkrankung.

 

Die drei großen und bekannten Faktoren:

Es gibt aber Faktoren, die das Risiko erhöhen:

Die ersten drei sind meist bekannt, gegen die ersten beiden ist, wenn auch unter Mühen, anzugehen. Nummer drei liegt außerhalb unseres Einflussbereiches. Schade eigentlich!

  1. Rauchen

  2. Übergewicht

  3. Alter

Wenn Sie über 35 sind und eines der anderen beiden Dinge nicht aus Ihrem Leben verbannen können, sollten Sie dringend mit uns über eine andere Verhütungsmethode reden. Insbesondere, wenn Sie eine Pille mit überdurchschnittlich hohem Risiko nehmen, das sind jene Präparate, die Drospirenon (Yasmin®, Yasminelle®, Yaz® und die entsprechenden Generika), Gestoden und Desogestrel enthalten. Das sind nur ein Teil der Pillen der "dritten und vierten Generation", die Problematik der unterschiedlichen Progestine ist etwas komplexer, als es in der Laienpresse dargestellt wird. 

 

Die eher unbekannten…

Aber es gibt noch andere Faktoren, die wir teils beeinflussen können:

Neubeginn mit der Pille – jedes Mal wieder! Das heißt, der Körper braucht 6-12 Monate, um die an die Einnahme künstlicher Hormone zu gewöhnen. In diesen ersten Monaten produziert die Leber vermehrt Gerinnungsfaktoren, danach reguliert es sich etwas. Daher ist im ersten Einnahmejahr das Risiko für Thrombosen und Embolien am größten, danach sinkt es, SOFERN KEINE Pillen-Pause gemacht wird. Früher wurde ja oft zu Pillen-Pausen geraten, um den Körper zu entlasten. Heute wissen wir, in diesen Pausen kam es nicht nur zu sehr ungeplantem Nachwuchs sondern nach nur 4 Wochen Pause, gilt bei Neubeginn der Pille: „Zurück auf Start“ und wieder hohes Risiko. Das heißt bei heftigem Liebeskummer nicht sofort die Pillen in den Müll werfen und nach 2 Monaten wieder anfangen, sobald der Glaube erstarkt, das nicht alle männlichen Bewohner dieses Planeten Volltrottel sind.

zu dem Thema gibt es mittlerweile auch ein Video mit DocDodo bei YouTube

 

Homocystein

Homocystein, lange als Risikofaktor für Herzkranzgefäßerkrankung älterer Menschen angesehen, scheint auch bei der Pille ein Problem darzustellen. Homozystein ist ein Abbauprodukt aus dem Eiweißstoffwechsel, das die Gefäßinnenwände schädigen kann. Auf Grund genetischer Unterschiede kann es von einigen Menschen schlechter ausgeschieden werden. Noch schlechter wird dieser giftige Stoff über die Nieren entsorgt, wenn ein Mangel an B-Vitaminen und Zink vorliegt. Und die Pille ist ein Dauermedikament, das dem Körper B-Vitamine, Zink, Magnesium und andere Mineralstoffe entzieht. Bei einer Studie von 2011 wurden 90 junge, gesunde Frauen die die Pille nahmen mit 90 Probandinnen, die ohne Hormone verhüteten verglichen[1]. Bei den Pillen-Nutzerinnen fanden sich deutlich höhere Homocystein-Spiegel, teilweise im gefährlichen Bereich. Bei der Kontrollgruppe ohne Pille war bei allen Frauen der Wert im Normalbereich. Fazit: wenn Sie schon lange die Pille nehmen, vor Allem, wenn in Ihrer Verwandtschaft Herzinfarkte und Schlaganfälle vor dem 50. Lebensjahr vorkamen, sollte der Homocystein-Wert nüchtern im Blut überprüft werden.

 

Die Pille, Operationen und Geburten:

  • Wenn Sie operiert werden müssen, sagen Sie bitte dem Arzt einschließlich des behandelnden Chirurgen oder den Krankenschwestern bei der Aufnahme ins Krankenhaus, dass sie die Pille nehmen.
  • Vor großen geplanten Operationen wie Eingriffen an der Wirbelsäule sollte die Pille abgesetzt werden, idealerweise 4 Wochen vorher.
  • Fangen Sie nach Operationen nicht zu früh mit der Pille wieder an, da in den ersten 4-8 Wochen je nach Dauer der Schonung und Größe des Eingriffs das Thromboserisiko auch erhöht ist. Auch wenn ein Bein oder Arm lange ruhiggestellt wurde (Gipsschiene) ist das Risiko erhöht.
  • Nach Geburten ist das Thromboserisiko für 3 Monate erhöht, wenn Sie unbedingt zügig nach der Geburt mit Hormonen verhüten möchten, nehmen Sie bitte zunächst eine östrogenfreie Pille, die ein deutlich geringeres Risiko mit sich bringt.

 

Pille und Reisen

Wenn Sie lange Flugreisen über 4 Stunden planen, denken Sie bitte immer daran:

  • Reichlich zu trinken; die Luft an Bord ist trocken und wenn wir austrocknen, dickt das Blut ein. Alkohol entwässert übrigens! Also Wasser und Säfte reichlich, die alkoholischen Getränke sollten im Rollwägelchen bleiben.
  • Beine regelmäßig bewegen – und keine Schlaftabletten einwerfen. Unbeweglich in Morpheus Armen den Flug von Hamburg nach Toronto zu verschlafen ist für den Blutfluss in den Beinen keine gute Idee. Besser ist es, alle 2 Stunden aufzustehen oder ein wenig Fußgymnastik zu machen. 
  • Reise-Strümpfe tragen, besonders, wenn Sie schon Besenreiser und Krampfadern haben.

 

Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe auf, wenn Sie eines der folgenden Anzeichen oder Symptome bemerken:

von: Prof. Dr. med. Thomas Rabe[2] mit kleinen Ergänzungen

▶ Starke Schmerzen oder Schwellungen eines Beins, die begleitet sein können von Druckschmerz, Erwärmung oder Änderung der Hautfarbe des Beins, z. B. aufkommende Blässe, Rot- oder Blaufärbung. Sie könnten an einer tiefen Beinvenenthrombose leiden.

▶ plötzliche unerklärliche Atemlosigkeit/Atemnot oder schnelle Atmung; starke Schmerzen in der Brust, welche bei tiefem Einatmen zunehmen können ; plötzlicher Husten ohne offensichtliche Ursache, bei dem Blut ausgehustet werden kann. Sie könnten an einer schweren Komplikation einer tiefen Beinvenenthrombose leiden, die Lungenembolie heißt. Diese entsteht, wenn das Blutgerinnsel vom Bein in die Lunge wandert. Dabei werden die Blutgefäße in der Lunge verstopft, Sauerstoff kann nicht mehr zu den Organen transportiert werden.

▶ Brustschmerz (meist plötzlich auftretend), aber manchmal auch nur Unwohlsein, Druck, Schweregefühl, vom Oberkörper in den Rücken, Kiefer, Hals und Arm ausstrahlende Beschwerden, zusammen mit einem Völlegefühl, Verdauungsstörungen oder Erstickungsgefühl, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen oder Schwindelgefühl. Sie könnten an einem Herzanfall leiden.

▶ Schwäche oder Taubheitsgefühl des Gesichts, Arms oder Beins, die auf einer Körperseite besonders ausgeprägt ist; Sprach- oder Verständnisschwierigkeiten; plötzliche Verwirrtheit ; plötzliche Sehstörungen oder Sehverlust ; schwerere oder länger anhaltende Kopfschmerzen/Migräne. Sie könnten einen Schlaganfall haben.

Informieren Sie den Arzt, den Sie aufsuchen, dass sie eine hormonelle Verhütung verwenden!

 

Ihre Dr. Dorothee Struck

 

3-4 x im Jahr hält Frau Dr. Struck Webinare zum Thema Verhütung, die Termine werden über den Newsletter bekannt gegeben.

Anmeldung zum Newsletter - wir geben Adressen nicht weiter!

 

Die Mitschnitte älterer Webinare zum Thema Verhütung können immer noch angesehen werden: hier ist der LINK Sie müssen etwas nach unten scrollen... 

 

[1] Gröber U., Arzneimittel und Mikronährstoffe, 3. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2014

und Gröber U., Arzneimittel als Mikronährstoff-Räuber: Was Ihr Arzt und Apotheker Ihnen sagen sollten, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2017

[2] Dieser letzte Teil stammt zum größten Teil von: Prof. Dr. med. Thomas Rabe, Präsident der DGGEF e.V., Universitäts-Frauenklinik, Im Neuenheimer Feld 440, 69120 Heidelberg, aus einer Information für Kollegen in der DGGEF über die verschieden hohen Thromboserisiken der Verhütungsmittel. Weiterführende Informationen finden sich in der Seminarbuchreihe Gynäkologische Endokrinologie Band I – VI.

 

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Kommentar von Gast |

Guten Tag!
Das Motto "Gefahren kennen mindert sie" finde ich wirklich super! Gerade jetzt anlässlich des Anti-Thrombose-Tages (der schon ein paar Wochen her ist), ist es wichtig auf solche Risiken hinzuweisen, da zu solchen Anlässen die Bereitschaft sich mit diesem Thema zu beschäftigen, sehr hoch ist. Deshalb zunächst einmal danke für diesen Artikel, der mir wirklich sehr gut und auf teilweise spaßige Art und Weise ("sobald der Glaube erstarkt, das nicht alle männlichen Bewohner dieses Planeten Volltrottel sind.") die Gefahren von Thrombose in Kombination mit der Anti-Baby-Pille aufgezeigt hat!

Das Thema ist unheimlich wichtig und ich bin 100%ig der Meinung: Vorsicht ist besser als Nachsicht! Weshalb ich jeder Frau (und auch jedem Mann, der kein Volltrottel ist ;)) raten würde, sich umfassend über das Thema Thrombose zu informieren, denn wie oben auch gesagt, besteht ja sogar schon bei längeren Flugzeiten das Risiko einer Thrombose und das nicht nur für Frauen, die die Pille nehmen...
Und Möglichkeiten sich zu informieren, gibt es ja wahrhaftig genug, man sollte das nutzen. Entweder man geht ganz klassisch zum Arzt oder lässt sich von anderen Stellen telefonisch beraten (kostenlos wäre z.B die Beratung von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland). Gerade für Menschen, die noch nicht so lange in unserem Land leben, finde ich gerade die telefonische Beratung super, da diese meistens mehrsprachig möglich ist, und deshalb eine größere Menge Menschen über das Thema aufgeklärt werden kann.
Das Thema liegt mir wirklich am Herzen, deshalb dieser ausführliche Kommentar von mir, denn in meinem Bekanntenkreis gab es Fälle von Thrombose und Embolien, die mit ausreichender Aufklärung mit Sicherheit hätten vermieden werden können!
MfG

Antwort von docdodo

Moin, Moin, 

vielen Dank für das Lob und den Kommentar! 

Das die telefonische Beratung mehrsprachig erfolgen kann, wußte ich nicht. Super! Ich werde das weitergeben, denn wir haben manchmal Gast-Studentinnen und Au-pair in der Praxis, die mit extrem knappen Sprachkenntnissen anreisen und aus ihren Heimatländern noch echte "Hammer-Pillen" mitbringen. Auch wenn wir alle recht gut Englisch sprechen, ist eine weitere, ausführliche Beratung oft nützlich. Zumal Patientinnen nachweislich nur 20% von dem behalten, was die Ärztin gesagt hat, auch weil viele bei einem Arztbesuch oft nervös sind. 

Vielen Dank und lieben Gruß

Dorothee Struck 

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