Ein turbulentes Jahr, ein schmutziges Wort und mein Wunsch für 2018

von docdodo (Kommentare: 0)

Es gibt Dinge, von denen kann frau nicht genug haben.

 

Als Kind war „Lego“ so etwas, die Kiste mit den Steinchen konnte nicht voll genug sein. Für meinen Bruder war es Playmobil. Die Androhung, der Fußboden auf dem Dachboden, unserem Spielparadies, müsste nun endlich (so ca. 4 Wochen nach Weihnachten) mal wieder gesaugt werden, wurde als seelische Grausamkeit empfunden. Lange gehörte auch Marzipankonfekt für mich zu den Nie-genug-Dingen, bis Oma mir den Niederegger-Turbo-Kasten schenkte und ich - nein, mit den Cousins teilen, geht gar nicht - alles noch vor dem Auspacken der letzten Geschenke in mich reingestopft hatte. Der alte blaue Opel Kadett von Papa hielt auf der Heimfahrt von den Großeltern mehrfach, damit ich mich übergeben konnte. Seitdem habe ich ein leicht gestörtes Verhältnis zu Marzipan. Schade eigentlich, aber wie sagte Paracelsus schon vor Jahrhunderten so weise: "Aleyn die Dosis macht, das eyn Ding kein Gift sey."

 

Das vergangene Jahr war wild und bunt

Das Fernsehen, ZDF und NDR, waren insgesamt 3 x in der Praxis und mir war nicht klar, was für Wellen das schlägt. Vor allem der Beitrag über Blasenentzündungen bei NDR Visite hat unglaublich viele Patientinnen in die Praxis gebracht. Viele junge Damen: nun über den Zusammenhang von hormoneller Verhütung, übertriebener Hygiene, Tampongebrauch und schlechter Schutzflora habe ich mir übers Jahr dann den Mund fusselig geredet, Menstassen und alternative Verhütung beworben. Aber es kamen auch unglaublich viele alte Damen, die in vielen Fällen schlicht und ergreifend gynäkologisch unterversorgt waren und neben Autovakzinen und einer mikrobiologischen Therapie meistens nur dringend Estriol, das gute Schleimhaut-Schutz-Östrogen brauchten. Gute Hormone, böse Hormone, wann ist was, wie angewendet, sinnvoll. Viele Gespräche darüber und noch viel Informationsbedarf.

 

Ausnahmen bestätigen die Regel und unterlaufen den Aufnahmestopp

Selbst wenn wir Aufnahmestopp haben, die Töchter bestehender Patientinnen dürfen immer noch zu uns kommen. Gedacht war das eigentlich für den 15-jährigen Verhütungsnotstand, kann ja mal ganz schnell dringend werden… aber so manches clevere Mädel fragte dann: „Das gilt doch sicher auch für Omas, oder? Meine Omi war ewig nicht beim Frauenarzt!“. Ja, gilt jetzt auch für die Großmuttis, von denen mehr als eine mir sagte: „Moin, Frau Doktor, ich kenn Sie?“ und während ich noch mein Hirn durchkramte, woher, kam der Nachsatz „… ich kenn Sie ausm Fernsehn!“. Der beste Spruch war aber immer noch der, der plötzlich im Angesicht des Gyn-Stuhles fiel: „Nee, min Deern, ich wor siet 30 Johrn nich beim Geologen, und Du fangst jetzt nich damit an[1]!“ Doch, auch nach all den Jahren ist ein Besuch beim „Geologen“ manchmal sehr sinnvoll, das Problem ist das gleiche wie bei manchem jungen Mädchen unter super-niedrig dosierter Pille: Estriol-Mangel[2]!

 

Ohrwürmer und was jeder Mensch so braucht

Diese Geschichten, seit wann die älteren Damen nicht beim Frauenarzt waren und sich oft jahrelang quälen mit Dammnarben, die immer mehr schmerzen aber auch den häufigen Harnwegsinfekten und Senkungen führten dann zur Aufforderung, ich solle singen! Zur Praxishitliste der Ohrwürmer gehörte dieses Jahr der unglaubliche Song eines Kollegen (Telefonwarteschleifen-Musik) „Jeder Mensch, ganz ungelogen, braucht ´nen guten Urologen“ – genial, hören Sie sich den Song mal an, danach ist die Peinlichkeit des Arztbesuches weg. Aber nein, ich habe noch nicht angefangen zu singen, auch wenn ich denke „jede Frau ganz ungelogen, braucht auch ´nen guten Gynäkologen“

 

Viele Mails und viele traurige

Wir bekommen seit den Fernsehsendungen unglaublich viele Mails, teils aus dem Ausland. Eine der ersten nach der Visite-Sendung kam aus Australien. Wir, Ende Januar bibbernd und zitternd, sehen ein Foto eines sonnenbeschienenen Traumstrandes mit dem Kommentar, wegen der häufigen Blasenentzündungen würde die Dame nicht mal bei 20°C Wassertemperatur baden gehen. Wann hatten wir im letzten Sommer 20°C in der Ostsee? Also nie mehr baden? Arme Lady, aber wie können wir über die Distanz helfen? Selbst wenn es kein Fernbehandlungsverbot gäbe, das sprengt unsere Logistik dann doch, abgesehen davon, dass das fernmündliche Untersuchen nicht geht. Es kamen viele Mails mit teils traurigen Krankengeschichten, herzanrührend und erschreckend. Gerade in ländlichen Bereichen ist es nicht immer einfach, mal eben den Frauenarzt zu wechseln, wenn die Kommunikation hakt.

Und leider, was in unserem Gesundheitssystem nicht honoriert wird, ist Zeit. Zeit, die wir einfach brauchen um bei chronischen, lange bestehenden Krankheiten zuzuhören und auch Geduld zu haben, wenn eine Seniorin sehr lange braucht um auf den „Stuhl“ zu kommen nachdem sie sich der sieben Schichten inclusive Angorawolle entledigt hat. Kälte mag die Blase nun mal nicht und wir leben nicht im sonnigen Australien. Ich kann mir mit meiner Privatpraxis die Zeit anders einteilen, mir Zeit nehmen für Damen, die etwas länger brauchen und einen kleinen „Schnack, gern op Platt“, als die Kolleginnen mit der Kassenzulassung, die einen unglaublichen Zeitdruck haben um ihr Pensum meistern zu können. Wenn Zeit zum Luxus wird, fallen die Patientinnen, die etwas mehr Zeit brauchen, durch die Maschen, traurig. Ja, wir sehen in den Mails, die Not und den Druck, den viele Frauen nicht nur auf der Blase haben, aber persönlich helfen können wir nur hier vor Ort.

 

Nein, wir sind keine Beratungsstelle

Seit dem Frontal21 Beitrag im ZDF bekommen wir in der Praxis auch fast täglich Anfragen per Mail oder Telefon nach einer Verhütungsberatung, ohne dass die betreffende Dame in die Praxis kommen kann oder will. „Ich lebe hinter Stuttgart, ich bin über meine Eltern privatversichert und die sollen das nicht wissen…“ Der Gründe sind viele. Auch wenn es so praktische Dinge wie Skype und Mail gibt, nein, wir bieten keine Fernberatung an, dürfen es nicht. Das, was laut Justitiar der Ärztekammer erlaubt ist, ist nun mal nur „Gruppencoaching“ modernes Wort für Volkshochschule; geht auch Online. Da dürfen Frauen, die ich nicht von Angesicht kenne, mir Fragen stellen. Aber nur, wenn es keine „ich“ Fragen sind. "Ich habe so Mensschmerzen, welchen Tee soll ich trinken?“ Sorry, da muss ich an den Gynäkologen vor Ort verweisen. Die Frage „Welchen Kräutertee empfehlen Sie am häufigsten bei Mensschmerzen in der Praxis“, darf ich beantworten.

It´s complicated!

 

Selbst, wenn ich telefonisch oder per Skype beraten dürfte:

Nach einer langen, vollen Sprechstunde habe ich auch keine Lust und Konzentration mehr, weitere 1:1 Gespräche zu führen. Wenn ich das wollte, könnten wir einfach längere Sprechzeiten anbieten und mehr Patientinnen aufnehmen. Nein, alles, was ich außerhalb der Praxiszeiten zu medizinischen Themen spreche oder schreibe, muss für viele Frauen nützlich sein. Und da das Bücher schreiben und verlegen vergleichsweise viel, viel Zeit frisst, gibt es zum Glück den Weg der Online-Kurse, Webinare und Videos. Die Möglichkeit, mich außerhalb der Praxis zu erwischen, ist dort gegeben, und wenn nicht live, steht wenigstens die Aufnahme zur Verfügung. Die beiden Kurse, die am häufigsten gebucht wurden und auch live am besten besucht waren, haben mich allerdings erstaunt: starke Mensblutung oder wie vermeide ich eine Gebärmutterentfernung (Teil 3 der Wechseljahrs-Serie) und der Dauerbrenner Pilze. Blase, ja, aber lange nicht so oft.

Das mit Presse, Funk und Fernsehen war 2017 ein Bißchen viel; so wie Marzipan-Kartoffeln… nur in kleinen Dosen gut zu genießen. Auch die zunehmenden Anfragen von Bloggerinnen, ich solle doch mal eben ein Interview… och nöööö, und schon gar nicht, wenn jemand nicht mal die URL des Blogs und die Zahl der Abonnenten angeben kann. Das war leider auch im vergangenen Jahr oft genug ein schlechter Versuch, dann doch noch eine Fernberatung zu kommen unter dem Deckmantel von „ich hätt´gern mal ein Interview“. Also, ich hatte für´s erste genug Marzipan!

 

Was wünsche ich mir für 2018?

Das Nein einer Frau ist ein Nein! Ich wünsche mir, dass diese simple Aussage akzeptiert wird. In erster Linie gilt das für sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit. Ein „Nein“, bedeutet genau das: „Nein, Nada, Nix, No, Nö, denk nicht mal drüber nach!" Es reicht ja schon, dass für viele Frauen immer noch das kleine, harmlose Wörtchen „Nein“ ein schmutziges Wort ist, welches sie kaum klar und deutlich aussprechen mögen und können. Wir sagen ab heute ein noch klareres „Nein zu allen Versuchen uns zu Fernbehandlungen zu überreden. Bislang haben meine Damen alle diesbezüglichen Anfragen einzeln und freundlich beantwortet. Oft kam ein „Schade, OK!“ aber leider wurde das von ca. 20% der Damen als eine Einladung zur Diskussion gesehen, ob nicht doch, bitte, bitte, ich bin die Ausnahme…. Wir versuchen immer freundlich und höflich zu bleiben, aber ein Nein nicht zu akzeptieren, ist eine Zumutung und unsere Zeit sollte der Versorgung der Patientinnen dienen. Seit gestern ist die automatische Mailantwort der Praxis anders, wir beantworten diese Mails nicht mehr, schließlich werden wir im neuen Jahr bald die viertausendste Patientin in der Praxis begrüßen.

Wir wünschen Ihnen einen gesunden Winter, einen guten Start in das neue Jahr

und das Sie immer gehört werden, wenn Sie ein klares „Nein“ aussprechen.

Ihre Dr. Dorothee Struck und das Praxis-Team

 

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[1] Für die süddeutschen Leserinnen: „Nein mein Mädel, ich war seit 30 Jahren nicht beim Geologen und Du fängst jetzt nicht damit an!“ – in Heide hab ich oft genug den Titel: „Fru Doktor, min Deern“ = Frau Doktor, mein Mädchen gehabt, über 80jährige Damen von der Westküste dürfen das!
[2] nein, nicht alle Hormone sind böse, darüber gibt es demnächst auch noch mal einen Beitrag
 

Disclaimer:

Die Beiträge dieses Blogs dienen der allgemeinen Information über gesundheitliche Themen. Sie können und sollen in keinem Falle die ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung ersetzen. Sie sollten daher die hier bereitgestellten Informationen niemals als alleinige Quelle für gesundheitsbezogene Entscheidungen verwenden und sie dürfen nicht als Grundlage zur eigenständigen Diagnose und Beginn, Änderung oder Beendigung einer Behandlung von Krankheiten verwendet werden. Zur eigenverantwortlichen Behandlung geringfügiger Gesundheitsstörungen finden  Sie hier Informationen zu Teemischungen und Produkten, die rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Es entbindet sich nicht von der Pflicht, die Beipackzettel zu studieren und ggf. Rat von Ihrer Ärztin oder Apothekerin einzuholen. Bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall ärztlichen Rat einholen. Die Inhalte erheben weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch kann die Aktualität, Richtigkeit und Ausgewogenheit der dargebotenen Information garantiert werden.

Es sind eventuell in diesem Blogbeitrag Präparate- und Produktnamen genannt; dabei wurden Warennamen nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises (Warennamen) kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt. Die genannten Produkte stammen aus der Erfahrung in meiner Praxis und ich beziehe kein Geld von den betreffenden Pharmafirmen für die Nennung. 

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