Blasenschwäche woran liegt das?

von docdodo (Kommentare: 0)

Sprechenden Frauen kann geholfen werden

Härtetest für die Blase

Nach über 20 Jahren „im Geschäft“ gibt es nicht mehr viel Peinliches, das ich nicht schon gesehen und gehört hätte. Viele Patientinnen wissen auch, das ich gerne über Dinge rede, bei denen andere stumm werden wie ein Fisch und so hatte ich viel Spaß am letzten Montagabend mit dem Vortrags-Thema: Beckenbodenschwäche, Scheidentrockenheit und Libido in den Wechseljahren. Wurden diese Themen bis vor einigen Jahren totgeschwiegen und von Frauen einfach hingenommen, gelangen sie zum Glück immer mehr in die Öffentlichkeit. Auch dank bekannter Frauen wie der genialen Schauspielerin Kate Winslet, die schon von zwei Jahren öffentlich zugab, nach den letzten beiden Geburten sei ihr Beckenboden nicht mehr der Alte. Die ersten Dreharbeiten nach dem zweiten Kind hätte sie ohne Slip-Einlage nicht überstanden, da bei bestimmten Bewegungen immer mal kleine Dröppel Urin abgingen. Jüngere Patientinnen sprechen den Urinverlust oft gezielt an und ich kann anfangen, nachzuhaken: was für eine Form der Inkontinenz? Verlieren Sie kleine Mengen beim Husten, Lachen, Niesen? „Oh, ja, Frau Doktor, die letzte Bronchitis im Winter war für mich eine Katastrophe!“ Gibt es Bewegungen oder Sportarten, die sie wegen Ihrer Blase vermeiden? Tennis, Joggen? „Na, zu Sport komme ich im Moment kaum, aber das mein Schwiegervater den Kindern ein Trampolin für den Garten geschenkt hat finde ich an manchen Tagen echt gemein. Ich muss die Lütten immer wieder enttäuschen, wenn sie mit mir Hüpfen wollen.“

 

Eins, Zwei. Drei… Eins: der Beckenboden

OK, das klingt nach der häufigsten Form, der Stress- oder Belastungs-Inkontinenz, die mit Beckenbodentraining und eventuell dem einen oder anderen Pessar, das die Blase den ganzen Tag über an dem Ort hält, an dem sie idealerweise sitzt. Denn Stress-Inkontinenz ist nur zu einem Teil durch einen weichen Beckenboden bedingt. Den kann ich auftrainieren, wenn ich denn weiß, wo diese Muskeln liegen. Innen im Körper und da wir sie nicht sehen können, ist das manchmal nicht so leicht, die richtigen Muskeln zu finden. Leider kneifen viele Frauen nur die Pobacken und den Afterschließmuskel zusammen (das können wir alle, wir haben früh gelernt, dass öffentlich pupsen nicht fein ist) und spannen die unteren Bauchmuskeln an, wenn ich sie bei der Untersuchung auffordere, den Beckenboden anzuspannen. Damit drücken sie ihre Blase aber noch mehr nach unten in die Senkung hinein. Leider gibt es auch einige Sport-Kurse, in denen das sehr falsch vermittelt wird nach dem Motto: der Beckenboden ist mit den unteren Bauchmuskeln und den Rückenmuskeln verschaltet (ja, stimmt), wenn ich nur das Becken nach vorne kippe, den Po hart mache und die Bauchmuskeln anspanne, werde ich das Teil schon mitnehmen (falsch, ganz FALSCH!). Dafür habe ich ja meine beiden „Beckenboden-Engel“ in der Praxis: Angela Hellwig und Andrea Ott, die „unseren Frauen“ das Erspüren dieser muskulären Basis unseres Körpers nahebringen. Ganz nebenbei verschwinden oft chronische Rückenschmerzen, wenn die richtigen Muskeln gestärkt werden, die Haltung wird besser und das Sexualleben profitiert ebenfalls von den besser durchbluteten Beckenorganen, aber den letzten Punkt sagen wird der Krankenkasse nicht.

 

Eins, Zwei. Drei… Zwei: auf welcher Höhe liegt die Blase gerade

Zum anderen hängt unsere Fähigkeit, Urin halten zu können am Ort der Blase im Becken. Die Blase kann leider durch Schwangerschaften absinken. Auch die blöde Schwerkraft ist schuld, die auf unseren Körper wirkt und neben der Blase auch die Brüste und andere Körperteile in Richtung Südpol lenkt, wenn wir älter werden. Eine Senkung der Blase oder der Harnröhre kann nur zum Teil durch gut trainierte Beckenbodenmuskulatur behoben werden, der Bandaufhängung der Blase eine Etage höher komme ich so nicht bei. Dafür gibt es aber Pessare, kleine Würfel oder Ringe, verschiedene Modelle und Größen, die Frauen morgens oder vor dem Sport einsetzen und die die Blase an ihren anatomischen Ursprungsort zurückverlagern. Ein gut sitzendes Pessar ist nicht zu spüren, stellt aber die Kontinenz sofort wieder her. Ich ernte ja oft sehr verbiesterte Blicke, wenn ich sage: „So, jetzt haben wir das richtige Pessar, jetzt machen wir gemeinsam ein Bisschen Sport im Untersuchungsraum, Sie mit bloßem Unterleib über einem Waschlaken, damit wir sehen, ob es noch kleckert.“ Dann werde ich mal kurz zur Fitness-Instruktorin: 5 x Hampelmann, 5 Kniebeugen, Knie hoch zu den Schultern und dann mit gespreizten Beinen weit in die Hocke und Husten… Handtuch trocken? Kein einziger Tropfen? Super, das ist das richtige Pessar für Sie. Manchmal können Dinge einfach sein, aber sie kosten etwas Zeit. Zeit, für die Anpassung des richtigen Modells, die wir uns im Gesundheitssystem nicht immer nehmen können, schade!

 

Wanderungen über die Heide, Truppenübungsplatz Bergen-Hohne

Begonnen hat meine Liebe zu den Pessaren bei der britischen Armee in der Lüneburger Heide, wenn die Soldatinnen in der Ambulanz ankamen und sagten: „nach dem letzten Kind habe ich Probleme, nicht beim Wachestehen, aber der Fitnesstest ist eine Katastrophe.“ Der Test für die körperliche Leistungsfähigkeit beinhaltete einen 10 Meilen Marsch durch die Lüneburger Heide mit ca. 15 kg Sturmgepäck auf dem Rücken. Auf Zeit! Bei Inkontinenz hieß das, entweder oft in die Büsche… schlecht für die Zeit, oder die Gefahr, sich irgendwann wund zu laufen. Die Soldatinnen mussten alle drei Monate für den Test strammen Schrittes marschieren und hatten einen hohen Anspruch an ihren Körper, zu funktionieren. Operationen, die frau aus dem Training kippen: Nur im echten Notfall! Also her mit den Pessaren!

 

Eins, Zwei. Drei… Drei: der Östrogenspiegel

Der dritte Faktor, der die Kontinenz der Blase bestimmt, ist der Hormonstatus. Zuwenig Östrogen macht die Scheidenwand dünn, aber auch die Wand der Harnröhre wird flacher und die Öffnung weiter. Mist, vor allem bei Grippewelle im Winter. Eine sehr niedrige Östrogenversorgung der Beckenorgane fördert auch die Senkung, also kann eine niedrig dosierte Hormoncreme oder Scheidenzäpfchen für einige Frauen nützlich sein. Es gibt da „gute Vertreter“, wie das Estriol, unser körpereigenes Oberflächenschutzhormon aber auch eher problematische Vertreter, wie das Estradiol, die möglicherweise das Brustkrebsrisiko stärker erhöhen. Ich weiß nicht, wie oft ich die Unterschiede in der Praxis schon erzählt habe, am Montag hatte ich dann statt einer, plötzlich 40 Zuhörerinnen.

Vor einigen Jahren habe ich mehrfach versucht am Haus der Familie einen Vortrag über Inkontinenz und Behandlungsmethoden anzubieten: drei Mal genau Null Anmeldungen. Das Angebot für einen Vortrag bei uns in der Praxis: ebenso. Eine Patientin sagte direkt: „da können Sie gleich zu einem Treffen für Frauen mit Geschlechtskrankheiten einladen, damit geht doch keine öffentlich hausieren.“ Danke, Kate Winslet, dass diese Zeiten vorbei sind, denn es leiden viele Frauen darunter. Doch lange noch nicht alle Frauen haben den Mut, das öffentlich zu sagen oder damit sogar in der Zeitung zu erscheinen. (Googeln Sie mal die Wörter: Bunte, Kate Winslet und Inkontinenz…) Bei einem Online-Vortrag braucht keiner sich der roten Ohren schämen, wenn Frau Doktor mal wieder norddeutschen Klartext redet, die verschiedenen Hormone und wie sie auf Scheide und Blase wirken erklärt und was das auch mit Sex und Libido zu tun haben kann. Sieht ja keiner, keine Frau muss sich mit vollem Namen outen oder Angst haben, die Chefin vom Ehemann neben sich im Kurs sitzen zu haben. Oder die klatschsüchtige Nachbarin… obwohl, würde die allen erzählen, dass man sich gerade beim Kurs der tropfenden Harnblasen begegnet ist?

Falls Sie den Vortrag noch ansehen wollen, der Mitschnitt steht noch zur Verfügung: Klicken Sie hier! Den nächsten Live-Online-Kurs zu diesem Thema gibt es erst wieder im nächsten Frühjahr.

 

Fraxinus exzelsior, das homöopathische Pessar…

Wie bitte, was ist das? Das ist zum einen der botanische Name für die Esche. Dieser schöne Baum, der gerne feuchte Füße mag und oft am Rand norddeutscher Flüsschen im Knick zu finden ist oder neben Buchen im Mischwald steht, ist ein eher unbekanntes, kleines Mittel in der Homöopathie. Als die Pessare noch nicht aus bequemen und infektionssicherem Silikon waren, sondern teils noch aus Holz geschnitzt oder als Porzellan (Aua, hart!) wurde Fraxinus exzelsior in niedrigen Potenzen wie D 4 oder D 6 1 – 2 x tgl. vor einer Pessar-Therapie zur Straffung des Beckenbindegewebes eingesetzt, daher der Name: „homöopathisches Pessar“. Heute geben wir gerne Frauen, die nicht nur vom Gewebe und den Bändern im Becken sehr weich, sondern auch psychisch nachgiebig, oft „zu gut für diese Welt“ und mit wenig Festigkeit und Standkraft unterwegs sind zum Beginn des Beckenbodentrainings die Ceres Urtinktur von Fraxinus, um die Spankraft des Beckenbodens zu fördern.

Sie wissen ja, ich bin immer pingelig in Sachen Botanik: Also bitte nicht mit dem botanischen Verwandten Fraxinus ornus verwechseln, aus diesem Bäumchen wird ein mildes Abführmittel gewonnen.

 

Inkontinenz ist nicht gleich Inkontinenz

Die zweithäufigste Form der Inkontinenz ist die „Drängelblase“ oder wie es so schön auf Medizin-Englisch heißt das „Overactive-Bladder-Syndrome“ (OAB), bei der sich die Blase schon für eine halbe Kaffeetasse an Flüssigkeitsmenge mit voller Wucht meldet. Wenn frau dann nicht sofort und zwar wirklich sofort aufs stille Örtchen kommt, entleert sich ein ganzer Schwapp Urin, oft wenn die Toilettentür schon im Sichtfeld ist. Wir sagen deshalb dazu oft auch „Türklinken-Inkontinenz“, die Frauen nicht so sehr bei Sport und Bewegung einschränkt, sondern deshalb so „unsozial ist“, weil Orte ohne erreichbare Toilette ein Drama sind. Das führt dazu, dass Frauen an Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen und sich aus gemeinsamen Unternehmungen mit Freunden und Familie zurückziehen. Aber auch da gibt es so manchen Tipp und Trick, darüber schreibe ich beim nächsten Mal.

 

Ihnen einen gesunden Tag

Ihre Dr. Dorothee Struck

 

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