Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist

von docdodo (Kommentare: 1)

Der Mensch verträgt ´ne Menge Arzt? Wirklich?

Guter Hoffnung sein, geht das noch? Von zu viel und zu wenig Arzt

Straßenszene in Indien, Foto: D. Struck
Straßenszene in Indien, Foto: D. Struck

 

Früher hieß es, eine Schwangere sei guter Hoffnung, stimmt das heute noch? Ich erlebe mehr und mehr Verunsicherung und Leistungsdruck. Schwanger-sein, auch das schwanger-werden, ist nicht mehr eine natürliche Kraft von Frauen, sondern eine Zeit, in der wir ständig auf Hab-Acht der Gefahrenabwehr parat stehen sollen. Oder zumindest wird es so jungen Frauen über die Medien vermittelt.  Ist der Mutterleib ein gefährlicher Ort geworden? Oder verlernen wir, überflutet von Informationen und Marketing, auf unsere Intuition und gesunden Menschenverstand zu hören? Was macht Sinn in Sachen Vorsorge und Früherkennung und wo schießen wir über das Ziel hinaus? Dieser Frage möchte ich heute und in den nächsten Wochen nachgehen.

 

Andere Länder, anderes Frauenleben

Frauenkörper sind so genial, wir können neues Leben in uns wachsen lassen und das auch unter sehr schwierigen Bedingungen. 1991 habe ich in einem Krankenhaus in Hiranpur, Bihar, Indien an der Grenze zu Bangladesch ein Praktikum gemacht. Auch unter schwierigsten Bedingungen mit Mangelernährung und nahezu nicht-existenter Hygiene (die wir uns in Deutschland kaum vorstellen können) bringen Frauen sehr gesunde Kinder zur Welt. Seit dieser Zeit habe ich tiefste Hochachtung vor dem, was Frauenkörper leisten und ein tiefes Grundvertrauen, dass Frauen unkompliziert und ohne viel Arzt-Zutun gebären können. Ja, natürlich ist medizinische Versorgung gut. Ich werde niemals den verheulten Sonntagvormittag vergessen, an dem ich nie wieder einen Fuß in dieses Krankenhaus setzen wollte: 4 Frauen mit heftiger Eklampsie (siehe unten 1) in einer Woche, am Ende der Woche alle 4 Kinder im Mutterleib verloren und alle 4 Frauen ebenfalls tot. Aber es gab im Gegensatz zu Deutschland, damals in Hiranpur keinerlei organisierte Vorsorge. Einmal die Woche hielten in einer Hütte auf dem Bazar eine Ärztin und eine Krankenschwester eine  Ambulanz für Schwangere ab. Mutterschaftsvorsorge bestand mehr oder weniger aus Blutdruckmessen und dem  Austeilen von Eisen- + Vitamin-Tabletten für Frauen, die in rascher Folge wieder schwanger waren. Klagten die Frauen über Schwäche, wurde über dem Sari das Herz abgehört, ein Entkleiden kam aus moralischen Gründen nicht in Frage.  Die wenigsten Frauen aus dem Distrikt nahmen diese kostenlose Minimal-Vorsorge wahr, und nach einigen Erkrankungen wurde gar nicht erst gefahndet, da keine Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten vorhanden waren, selbst wenn das Problem früh erkannt wurde.  In die Behandlung einer schweren Gestose (siehe unten 2)   wurde in Hiranpur nicht viel von den sehr knappen Medikamenten investiert. Die Frauen kamen ohnehin erst dann, oft mit dem Ochsenkarren seit Stunden unterwegs, wenn es eigentlich schon zu spät für sie und ihre Kinder war. Nachdem die Familie  manchmal Tage überlegt hatte, ob es lohnt Geld für den Arzt und den Transport auszugeben. Besser die wenigen Ressourcen für Patientinnen mit günstigeren Überlebenschancen nutzen. Bihar ist das ärmste Bundesland Indiens mit der höchsten Rate an Analphabeten des Landes und immer noch einer der Flecken der Erde mit der höchsten Müttersterblichkeit rund um die Geburt.

Ja, ich bin am Montagmorgen wieder zum Dienst erschienen, nachdem die vier Frauen mit ihren Kindern an Gestose gestorben waren,  aber ich möchte nie wieder unter solchen Bedingungen in der Geburtshilfe arbeiten und zusehen müssen, wie Frauen sterben, die genau so alt sind wie ich und nur das Pech oder schlechtes Karma hatten, in einem Ort wie Hiranpur zur Welt gekommen zu sein. Das kann ich einfach nicht!

Als ich wieder nach Hause kam, hatte ich den Wert einer regelmäßigen Mutterschaftsvorsorge sehr, sehr schätzen gelernt. In gut zehn Jahren in denen ich in Deutschland in diversen Kliniken geburtshilflich gearbeitet habe, ist uns während meiner Dienste ein Kind im Mutterleib verstorben: bei einer Frau mit einer schweren Gestose in der 28. Schwangerschaftswoche und das war noch Mitte der 90er Jahre. Das Baby war viel zu klein, mehr als zwei Wochen im Wachstum zurück, als die Patientin bei uns in die Klink kam. Ob das Kind überlebt hätte und dann auch noch ohne schwere bleibende Schäden, wenn wir sofort einen Notfall-Kaiserschnitt gemacht hätten, ich weiß es nicht. Die Patientin hat zwei Nächte auf der Intensivstation verbracht und zum Glück nach dieser Tragödie im folgenden Jahr ein gesundes Kind am Termin geboren. Frauenkörper sind wirklich ein Wunder! Und wenn Zeichen eines schwangerschaftsbezogenen Bluthochdrucks rechtzeitig erkannt werden, können wir heute viele Probleme vermeiden.

Früherkennung von Problemen, solange sie klein und behandelbar sind, ist eines der Prinzipien der heutigen Mutterschaftsvorsorge. Aber das Prinzip kippt heute bei uns an mehreren Stellen.

 

Der Mensch verträgt ´ne Menge Arzt? Wirklich?

Die Schwangeren-Vorsorge in Deutschland ist traditionell sehr Arzt-lastig. Im Normalfall 10 Früherkennungstermine beim Arzt sind Standard, bei „Risikoschwangeren“ gerne auch mehr. In andern Ländern ist dies anders geregelt. Als ich in den Diensten der Britischen Streitkräfte in Bergen-Hohne gearbeitet habe, sah ich gesunde Frauen nur vier Mal in der gesamten Schwangerschaft. Den Rest der Vorsorge übernahmen die Hebammen. Ich fand das super, so hatte ich mehr Zeit für die Schwangeren, die mich als Ärztin wirklich brauchten: angeborene Gerinnungsstörungen, Zustand nach Frühgeburt…. Wir Ärzte sind vom Studium her auf das Finden und Behandeln von Krankheiten getrimmt. Hebammen gehen mehr von Gesundheit und der Fähigkeit von Frauen aus, Kinder gebären zu können. Untersuchungen bei uns Ärztinnen sind eher Geräte-lastig, aber ist das immer weise und bei jeder Untersuchung nötig? Medizinisch für mich oft ein guter Erkenntnisgewinn und ich für mich weiß, dass das nur ein Teil des Puzzlespiels ist, herauszuhören, wie es Mutter und Kind geht. Was erzählt mir die Patientin, wie sieht sie aus, Körperhaltung, lebendige rosige Gesichtsfarbe oder abgeschafft und fahl?  Wie fühlt sich Ihr Körper bei der Tastuntersuchung an, ist der Bauch angespannt oder entspannt und ist die betreffende Frau „da“, anwesend im Körper? Schwierig wird es aber, wenn eine Frau mir ohne Geräte-Untersuchung nicht mehr glauben kann, dass ihr Körper es leisten kann, das Baby gut zu versorgen. Die Sono-Kiste oder das CTG soll zeigen, dass es dem Kind gut geht und alles in Ordnung ist. Wir sind heute in Westeuropa sehr Technik-gläubig und müssen uns unsere Intuition oft mühsam bewahren, ein zartes Pflänzchen. Zuviel Gerätemedizin schwächt die Eigenwahrnehmung für den Körper und das Gefühl für das werdende Leben im Bauch.

 

Angst im Bauch

Wir haben in letzter Zeit bei uns in der Praxis viele Frauen, die mehrere Fehlgeburten hinter sich haben. Die verständlicherweise viel Angst haben, auch dieses Kind zu verlieren. Gerade die erste Hälfte der Schwangerschaft ist von Angst geprägt. Mit dem Einsetzen der Kindsbewegungen und selber spüren können, das da Leben im Bauch ist, lässt die Anspannung oft etwas nach. Lange Zeit haben meine Kollegin und ich immer gesagt: Dann kommen Sie doch einmal kurz rein in die Sprechstunde, bevor Sie sich die Fingernägel abkauen. Wir gucken kurz mit Ultraschall, ob Ihr Kleinchen wohlauf ist, man muss ja nicht immer gleich eine ganze Vorsorge machen. Im Moment eine Beruhigung, ja, aber es verlagert die Wahrnehmung nach außen auf ein Gerät. Die Sono-Kiste soll mir zeigen, dass es meinem Kind gut geht; das mein Körper es leisten kann, das Baby gut zu versorgen. Damit leidet auf Dauer aber die Eigenwahrnehmung. Gut in sich zu spüren und meinem Bauch zu vertrauen, ist schwierig, wenn frau sich von Ultraschall zu Ultraschall hangelt und ein Stück weit abhängig davon wird, das auf einem Bildschirm die Bestätigung zu sehen ist. Ein Mittelweg muss her, TLC (= Tender loving care = liebevolle Betreuung) ist eines der wichtigsten Mittel um bei wiederholten Fehlgeburten die Rate an gesunden, termingerecht geborenen Kindern zu fördern, das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Aber TLC ist nicht notwendigerweise die Ärztin, die netterweise auch zwischendurch den einen oder anderen Ultraschall macht (auch wenn wir das weiter tun werden). TLC ist auch die Hebamme, die den Frauen ein Gefühl für die Stärke ihres Körpers vermittelt und sich Zeit nimmt, zu hören… Die Herztöne, aber auch, was die Schwangere in ihrem Körpergefühl stärken kann. Das gibt auch eine gute Grundlage für ein Spüren unter der Geburt, was fördert mich, was braucht mein Körper. Vertrauen in sich selber  und in die eigene Intuition ist heute wichtiger denn je.

 

Fußballbundestrainer und werdende Mütter brauchen zwei Ohren

Schwangeren und Mütter geht es wie dem Fußball-Bundestrainer“, hat mir eine weise Hebamme, Judith von Oepen, vor Jahren mal im Nachtdienst gesagt: „Jeder gibt einen Kommentar ab, jeder weiß es besser, was zu tun ist, wie die 11 aufzustellen ist, was die Schwangere essen, nicht essen, tun und lassen soll. Aber wer hat die Kerle auf dem grünen Rasen selber trainiert? Wer hat dieses Kind im Bauch oder später auf dem Arm?“ Das wichtigste was wir als Frauen lernen müssen ist gute Filter zu entwickeln: Was stärkt uns und bei welchen Informationen ist es gut, zwei Ohren zu haben um sie auf Durchzug zu stellen.

 

Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist

Zu wenig Vorsorge kann sehr gefährlich werden, das habe ich in Indien bitter gelernt; zu viel Vorsorge bei Ärzten sollte vorsichtig dosiert werden. Gut für die Frauen, die sie aus medizinischen Gründen wirklich brauchen, aber bei gesunden Frauen wie Salz zu behandeln: Zuviel davon geht an die Nieren, das Organ, das in der chinesischen Medizin für die Emotion Angst steht. Zur eher salzarmen Versorgung haben wir seit einigen Monaten Frauke Kähler und Finnja Kreft an Bord, Hebammen, mit denen wir Hand in Hand arbeiten können, nicht nur für gute medizinische Betreuung, sondern um Frauen auf allen Ebenen zu stärken gut Mutter werden zu können.

Nicht nur bei uns, auch in anderen  Praxen von Frauenärztinnen gehören Hebammen mittlerweile zum Team, eine Entwicklung, die mich freut. Insbesondere, da die freiberuflichen Hebammen knapp werden… aber darüber ein anderes Mal.

 

Ihnen einen wunderbares Frühjahr

Ihre Dr. Dorothee Struck

 

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[1] Eine Eklampsie ist ein Krampfanfall ähnlich einem Epileptischen Anfall, der sich als Extremform eines unbehandelten Bluthochdruckes in der Schwangerschaft entwickeln kann. Dabei ziehen sich die Blutgefäße der Organe zusammen, die Blutversorgung leidet und neben Organ-und Gehirnschäden können die Kinder im Mutterleib absterben. Bei uns in Deutschland kommt das auf Grund der Früherkennung so gut wie gar nicht mehr vor.

[2] Im Volksmund heißt diese Erkrankung „Schwangerschaftsvergiftung“, das ist eine gruselige und völlig  falsche Bezeichnung, denn eine Frau vergiftet sich nicht an ihrem eigenen Kind. Der heutige medizinische Name: „Schwangerschaftsbezogener Bluthochdruck“ ist da besser. Da der Mutterkuchen hohen Blutdruck schlecht verknusen kann und in seltenen Fällen mit Leberproblemen und Störungen der Blutgerinnung zu rechnen ist, ist es wichtig, die „Gestose“ rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

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Kommentar von Madeleine |

An dieser Stelle erst mal vielen Dank für die vielen wertvollen Informationen, die man in diesem Beitrag / Blog finden kann. Das Internet ist ja voll mit Informationen zum Thema Schwangerschaft und leider lassen sich viele werdende Mütter gerade beim ersten Kind total irre machen. Da ich selber einen Sohn habe, weiß ich nur zu gut, wie ein Kind das Leben schlagartig verändert. Wie gesagt, Daumen hoch für den Blogbetreiber / Blogbetreiberin für die Zeit bzw. Arbeit, die hier investiert wird. Gerade wenn man Kinder hat, ist es schon ein Kunststück sich für sowas Zeit zu nehmen. Liebe Grüße

Antwort von docdodo

Moin, Moin, 

vielen Dank, für das dicke Lob! Das freut mich sehr! 

Ihre Dorothee Struck

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